Lesenswert (2) Empfehlen Google +

Artikel vom 13. Januar 2013 11:53, 167 mal gelesen

Straubing/Landshut/Passau

Über das Retten von Staaten und Theatern

Landshut fehlt Geld für sein Theater, das betrifft auch Straubing und Passau: Problem mit Happy End?

Autor: Wolfgang Engel
Landshut sucht nach einer Übergangslösung, solange sein Theater saniert wird. In Straubing ist damals herausgekommen, dass das Theater übergangsweise in das Provisorium am Hagen umgezogen ist und dort immer noch sitzt.

Landshut sucht nach einer Übergangslösung, solange sein Theater saniert wird. In Straubing ist damals herausgekommen, dass das Theater übergangsweise in das Provisorium am Hagen umgezogen ist und dort immer noch sitzt.

Am Dienstag wird einmal mehr die Welt gerettet werden, genauer: ein kleiner Teil von ihr. Nämlich Pontevedro, das kleine Balkan-Staaterl. Das hat kein Geld mehr, ist also pleite, und Rettungsschirme für kleine Balkan-Staaten gibt's zur Zeit Pontevedros leider noch nicht, also gibt's ein Problem. So in etwa ist die Ausgangslage am Dienstag, abends ab 19.30 Uhr im Theater am Hagen. Das Landestheater Niederbayern gibt "Die lustige Witwe".

Dass Staaten pleite sein können, ist offenbar nichts Neues; diese Operette - Musik: Franz Lehár, Text: Victor Léon und Leo Stein - ist immerhin schon 1905 uraufgeführt worden. Der Unterschied zu heute scheint nur, dass damals kleine Balkanstaaten relativ leicht rettbar waren: Die reiche Witwe muss nur den richtigen Pontevedriner heiraten, nämlich den Grafen Danilo Danilowitsch, schon ist der Staat wieder flott, und bis zum Happy End gibt es sehr schöne Lieder, von "Lippen schweigen, s´ flüstern Geigen" bis hin zu der sachlichen Feststellung: "Ja, das Studium der Weiber ist schwer". Wobei unsere Familienministerin Kristina Schröder hier "Weiber" wohl ablehnen würde, aus genderpolitischen Gründen, aber Frau Schröder findet ja auch "das Gott" sehr korrekt.

Neubau oder Alte Wäscherei

Am Dienstag muss aber noch mehr gerettet werden, es gibt im wirklichen Leben ja nicht nur Staaten am Pleitenrand. Es gibt auch Städte, die wenig Geld haben. Eine davon heißt Landshut, ist Mitglied im Landestheater Niederbayern und besitzt ein schönes Theater, das jedoch saniert werden muss, für zwölf Millionen. Dafür hat sie noch Geld, nur für eine Ausweichbühne leider nicht mehr, das ist ein Problem. Am Dienstag sucht Landshut deshalb eine Lösung, begleitet von guten Wünschen aus Passau und Straubing. Denn ohne Ausweichbühne kein Theater in Landshut, und ohne Landshut kein Theater in Passau und Straubing.

Am Dienstagvormittag werden Landshuter Stadt- und Theaterleute die Alte Wäscherei am Landshuter Klinikum untersuchen: ob man da vielleicht ein Theater einrichten kann? Übergangsweise, für zwei, drei Jahre? Den Alten Schlachthof haben sie schon angeschaut und eine Tennishalle draußen am Stadtrand auch. "Nicht theatertauglich", haben die Theaterleute gesagt, oder nur mit einem Finanzaufwand, der nicht im Verhältnis steht. Vielleicht ist ja die Alte Wäscherei besser geeignet. "Groß genug ist sie", sagt Stadtrat Bernd Friedrich von den "Bürgern für Landshut", "und Heizung ist auch drin." Hauptsache, billig. Landshut ist arm.

Die Theaterleute wollen aber lieber einen Neubau als Ausweichbühne, direkt am Theater. Den könnte man auch nach der Sanierung noch nutzen, als zweite Bühne und weil das alte Theater insgesamt zu klein ist. Aber das kostet: vier Millionen der Bau, noch einmal vier für Bühnentechnik und Infrastruktur. Nicht viel, könnte man sagen, wenn man bedenkt, dass am Hamburger Schauspielhaus jetzt gerade 16,5 Millionen nur für die Bühnentechnik verbaut werden.

Aber Landshut hat diese acht Millionen nicht. Die Stadt ist froh, dass sie die zwölf Millionen zur Sanierung ihres alten Theaters zusammenbringt.

Dieses Theater ist nicht nur schön, es ist auch sehr alt, 1841 ist es eröffnet worden. Es ist ein repäsentatives Gebäude des Baumeisters Johann Baptist Bernlochner und in Privatbesitz. Dem Vernehmen nach bezahlt Landshut bis 2052 jährlich mehr als 250 000 Euro Pacht. Das ist nicht viel, würde Herr Steinbrück da vielleicht sagen, nur ein Kanzler-Gehalt plus ein guter Wein, aber das kann man auch anders sehen. Eigentlich zu viel als Theaterpacht, sagt zum Beispiel die Stadträtin und Landtagsabgeordnete der Freien Wähler, Jutta Widmann, aber Vertrag ist Vertrag, das weiß sie auch. Landshut gibt viel Geld aus für sein Theater.

Ausstieg Landshuts wäre das Aus

Landshut ist wie Passau, Straubing und der Bezirk Mitglied des Zweckverbands Landestheater Niederbayern. Straubing finanziert den Zweckverband zu einem Sechzehntel, Landshut und die beiden anderen finanzieren jeweils fünf Sechzehntel, jeweils rund zwei Millionen im Jahr. Unabhängig davon bezahlen die Städte die Kosten für Gebäude und Infrastruktur vor Ort. Weil nun in Landshut Gebäude und Infrastruktur so marode sind, dass nur noch mit Ausnahmegenehmigung des TÜV gespielt werden darf und nur noch bis Sommer, muss jetzt saniert werden. Es wird Jahre dauern.

Ohne Ausweichbühne kann man das nicht überbrücken. Man könnte nicht proben und auch nicht spielen. Dann hätte die Stadt nur zwei Millionen Zweckverbands-Kosten, aber kein Theater. Passau und Straubing hätten dann auch keines mehr, denn in Passau sitzt die Musik des Landestheaters, aber in Landshut das Schauspiel. Wenn dort nicht geprobt werden kann, kann auch in Passau und Straubing nicht geschauspielert werden.

Zusätzlich hat Landshuts Kämmerer in der Presse darauf hingewiesen, dass die Stadt auch Personal- und Betriebskosten kaum noch stemmen könne. Die Stadt ist klamm, wie viele andere Städte. Kein Wunder, dass schon ein Ausstieg aus dem Zweckverband thematisiert worden ist. Dann wäre aber nicht nur Landshut ohne Theater. Ohne Landshut könnten Passau und Straubing den Zweckverband nicht finanzieren. Ein Ausstieg Landshuts wäre auch für Passau und Straubing das Aus.

Wenn der Bezirks-Sheriff murmelt


"Unbesorgt bin ich nicht", sagt Maria Stelzl, "aber ich denk, dass die Stadt Landshut das lösen wird." Maria Stelzl sitzt für die Stadt Straubing im Zweckverband. Sie weiß ziemlich gut, was es heißt, wenn eine Stadt da steht wie Pontevedro, und sie weiß auch, dass heutzutage höchst selten bei den Kommunen eine reiche Witwe auftaucht, die man heiraten könnte. Die einzige Witwe, die in solchen Fällen bisher immer aufgetaucht ist, hieß Kreditaufnahme: Neuverschuldung. Bisher kam die immer. Aber jetzt ziert sie sich.

Im November hatte der Landshuter Stadtrat beschlossen, dass das Theater saniert und außerdem die Ausweichbühne neu gebaut wird. Das Theater wird nämlich auch nach der Sanierung zu wenig Platz bieten, ein Neubau könnte das lösen. Das Geld dafür? Wie immer: Kreditaufnahme. Nur hat da die Stadt die Rechnung ohne die Regierung von Niederbayern gemacht. Kreditaufnahme? Ihr? Für ein Theater? Eine freiwillige Leistung? "Nein", hat die Regierung gesagt, "liebe Stadt Landshut, dafür bist Du denn doch inzwischen etwas zu hoch verschuldet." So ist das heutzutage mit unserem Staat: Der Staat tut alles, damit er den Kommunen recht viele Pflichtausgaben aufbürdet, Kitas, Hartz IV, alle Sozialkosten, die explodieren können und das auch tun, und wenn eine Stadt auch noch ihr Theater anständig erhalten will, schickt er den Bezirks-Sheriff los. Der runzelt die Stirn, stöhnt "mein Gott, meine Lieben! Ihr seids doch eh schon verschuldet!", und murmelt etwas von Kindern und Kindeskindern, die's ausbaden müssen. Und dann wälzt der Staat wieder ein paar Sachen auf die Kommune ab, Inklusion, Asyl, etc. "Oh Vaterland, Du machst bei Tag mir schon genügend Müh und Plag", singt Danilo Danilowitsch und haut ab ins Maxim. Recht hat der Mann.

"Was dicht macht, bleibt dicht"

Landshut investiert derzeit auch in ein neues Berufsschulzentrum. Dafür hatte die Stadt noch einmal eine Ausnahmegenehmigung zur Kreditaufnahme erhalten, denn Schule ist Pflichtaufgabe, das ist nämlich Bildung. Theater nicht, das ist nur Kultur. Wenn die Stadt Geld in einen Theater-Ausweichneubau stecken will, kann sie das auch machen, sagt die Regierung. Aber das muss dann von dem Berufsschulkredit abgezogen werden, denn sonst wird's langsam uferlos mit der Verschuldung. Aber ohne Ausweichquartier kein Theater in Landshut, und ohne Landshut keines in Passau und Straubing.

In den Medien wird deshalb derzeit ein bisschen der Teufel an die Wand gemalt. Die Süddeutsche fürchtet bereits ein bisschen um Landshut, Passau und Straubing, der BR fürchtet mit: "Ein Theater das dicht gemacht wird, bleibt dicht", sendete der BR.

Aber so weit muss es doch nicht kommen, tröstet die Regierung. "Die beiden anderen Mitgliedsstädte des Zweckverbands Landestheater Niederbayern", teilte Regierungspräsident Grunewald auf Anfrage einer Stadträtin mit, "haben seinerzeit kostengünstigere Lösungen gefunden, ohne dass der Zweckverband in Frage gestellt worden wäre."

Das ist nun leichter gesagt als getan, und in Straubing ist damals letztlich herausgekommen, dass das Theater übergangsweise in das Provisorium am Hagen umgezogen ist und dort immer noch sitzt. Die Straubinger haben sich inzwischen daran gewöhnt. Aber richtig toll ist das nicht, und auch, wenn die Straubinger Übergangslösung damals einen anderen Hintergrund als hatte: eine durchdachte Lösung von Anfang an wäre doch etwas besser gewesen.

Kurz vor Weihnachten hat der Stadtrat trotz des Regierungs-Nein 700 000 Euro Planungskosten für den Ergänzungsneubau genehmigt. Eine Stadtrats-Mehrheit will den Neubau direkt neben dem Theater. Wo das Geld dafür herkommen soll, ist immer noch ziemlich unklar. Jutta Widmann hat im Landtag einen Antrag gestellt. Der Freistaat soll die Sanierung mit dem Höchstsatz von 60 Prozent fördern statt mit 35 Prozent. Der Freistaat hält sich dazu bedeckt. Oder, wenn man von den acht Millionen für den Neubau noch etwas abzwacken könnte, vielleicht stimmt die Regierung dann zu, hoffen sie, und das wollen sie am Dienstag ausloten. Wenn das nicht klappt, wird's schwierig.

Geht es ganz ohne Theater auch irgendwie?

Dann wird die Stadt zwei oder drei Millionen Euro in zum Beispiel eine Alte Wäscherei verbauen, und wenn das alte Theater in ein paar Jahren saniert ist, wird Landshut ein saniertes Theater besitzen, das alt und schön ist, nur leider noch immer etwas zu klein.

Und in einer Wäscherei werden ein paar Millionen verbaut sein für Infrastruktur, die man dann hier nicht mehr braucht. Oder es setzt sich die Meinung durch, dass ein paar Millionen für eine Alte Wäscherei doch nicht sehr schlau ist und es ganz ohne Theater auch irgendwie geht.

Das wäre dann auch ziemlich schlecht für Passau und Straubing. Aber es ist unwahrscheinlich, dass es so kommt, Theater hat zum Glück immer noch einen gewissen Stellenwert in der Gesellschaft. Es wird so kommen, wie Maria Stelzl sagt: Die Stadt Landshut wird noch einmal eine Lösung finden, irgendwie. Und alle werden dann froh sein, dass dieses Theater genau jetzt saniert werden muss und nicht in zehn Jahren, weil dann wird's bei den Kommunen noch schlechter ausschauen als heute, und die Lustige Witwe ist schon fast ausverkauft.

Kommentare zum Artikel


Artikel kommentieren


Straubing, Bayern, Deutschland

Anzeige
Anzeige

Verbreitungsgebiet Verbreitungsgebiet Cham Deggendorf Regen Dingolfing Straubing-Bogen Regensburg Landshut Erding-Freising-Kelheim
Anzeige
Anzeige