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Artikel vom 08. March 2013 07:37, 356 mal gelesen

Straubing

Agnes‘ späte Rache

Warum in Straubing immer mehr Frauen Führungspositionen übernehmen

Autor: Theresa Ziegler
Am Anfang ihrer steilen Karriere saß Annette Lauer mit im Auto.

Am Anfang ihrer steilen Karriere saß Annette Lauer mit im Auto.

"Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin" - dieser Zusatz zu Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes wurde bereits vor fast 70 Jahren beigefügt. Doch haben es Staat und Gesellschaft tatsächlich geschafft, Frauen und Männer vor allem in beruflicher Hinsicht wirklich gleich zu behandeln? Anlässlich des heutigen Weltfrauentags haben wir uns bei Frauen umgehört, die hoch hinaus wollten und nun an der Spitze stehen.

Für Annette Lauer fängt der Arbeitstag früh an. Spätestens ab sieben Uhr ist sie auf ihrer Polizeiinspektion anzutreffen. "Gegen halb acht werden dann bei der sogenannten Morgenlage die letzten 24 Stunden besprochen, ob es Unfälle oder sonstige Einsätze gab", erzählt die Polizeioberrätin. Seit Januar 2009 ist Annette Lauer Dienstellenleiterin in Straubing und bei insgesamt 43 Dienststellen in Niederbayern immer noch die einzige ihrer Art. "Innerhalb des Polizeipräsidiums Niederbayern gibt es mittlerweile schon zwei weitere Beamtinnen im höheren Dienst. Bei Tagungen sind wir somit immerhin schon zu dritt", freut sich Lauer.

Dabei hat die gebürtige Saarländerin schon eine Menge Erfahrung mit der Rolle als eine der wenigen Frauen unter männlichen Kollegen: "2000 übernahm ich in Landau an der Isar als erste Frau die Leitung einer Polizeiinspektion in Bayern im Rahmen meiner Ausbildung zum höheren Dienst. Darüber wurde ein ziemlicher Rummel gemacht, es gab einen riesigen Medienaufruhr", erinnert sie sich.

Am Anfang seien die Kollegen in Landau sehr skeptisch gewesen, beim Abschied nach einem halben Jahr seien jedoch ein paar Tränen geflossen. Mittlerweile liege die Frauenquote der Polizei niederbayernweit bei rund zwölf Prozent, bei der Polizeiinspektion Straubing bei circa 20 Prozent. In Bayern waren Frauen vor 1990 nur bei der Kriminalpolizei zu finden, wo sie meist nur für bestimmte Delikte wie Kindesmissbrauch zuständig waren. Danach durften Polizistinnen in allen Bereichen als Freund und Helfer tätig sein. Warum in Straubing so viele Frauen leitende Positionen innehaben - dafür hat die Dienststellenleiterin augenzwinkernd ihre ganz eigene Erklärung: "Ich sage immer, dass das die Rache für Agnes Bernauer sei. Sie musste hier schließlich ihr Leben lassen, und als Ausgleich übernehmen die Frauen jetzt auch beruflich immer mehr die Führung."

"Ich denke, bei uns sind so viele leitende Stellen weiblich besetzt, weil wir in Straubing keine Mammutbehörden, sondern eher kleinere Ämter haben. Bei den ganz großen Stellen wird es noch länger dauern, bis dort Frauen an der Spitze stehen", findet Maria Stelzl, zweite Bürgermeisterin der Stadt Straubing. 1978 wurde die erst 27-Jährige Stadträtin und war seitdem ununterbrochen Ratsmitglied. "Von der CSU waren wir lange Zeit drei Frauen, mittlerweile sind es sechs. Insgesamt sind ein Viertel der Stadträte Frauen, das ist momentan Höchststand", legt die Bürgermeisterin dar.

Bei der Terminverteilung mit ihren männlichen Bürgermeister-Kollegen käme es nicht darauf an, dass sie eine Frau ist. Wer zu welchen Veranstaltungen geht, hinge vor allem mit den eigenen Interessen oder den Mitgliedschaften in den Ausschüssen zusammen: "Ich gehe sehr gerne auf Termine, die mit Sport oder den Banken zu tun haben, da ich früher als Bankrevisorin gearbeitet habe. Als Vorsitzende des Kulturausschusses freue ich mich auch immer auf klassische Konzerte oder Kunstausstellungen." Obwohl schon ein Zuwachs an Frauen in der Kommunalpolitik zu verbuchen ist, wünscht sich die Stadträtin noch mehr Kolleginnen. Als logische Schlussfolgerung der immer besseren Qualifikationen der Frauen, gebe es grundsätzlich immer mehr Platz für jene in Führungsetagen. In bundesweiten Führungspositionen seien Frauen jedoch immer noch stark unterrepräsentiert.

Laut Dr. Susanne Lausch sind nur acht Prozent der medizinischen Führungspositionen mit Frauen besetzt. "Typisch weibliche Fachrichtungen sind zum Beispiel Psychologie und Dermatologie. Sehr wenige Frauen findet man unter den Urologen und Chirurgen", erklärt die Leiterin des Bezirkskrankenhauses Straubing. Für ihre Arbeit bekäme sie sehr viel Anerkennung. Die forensische Psychologie wecke bei Außenstehenden fast immer Interesse. Bereits in den letzten Semestern ihres Humanmedizin-Studiums wurde Dr. Susanne Lausch klar, dass sie sich im Bereich der Psychiatrie spezialisieren wird. "Eine Feminisierung der medizinischen Berufe ist klar vorhanden. Es gibt deutlich mehr Studienanfängerinnen als -anfänger", weiß die ärztliche Direktorin. Im späteren Verlauf der Karriere würden Ärztinnen aber meist zugunsten der Familie zurückstecken. Wer als weiblicher Chef tätig ist, müsse sich immer im Klaren sein, dass man eine Familie braucht, die diese Belastung mittrage. "Allein die Tatsache, dass mein Diensthandy jederzeit klingeln könnte, zeigt mir immer wieder auf, dass ich meine Arbeit mit nach Hause nehme", gesteht sich die Fachärztin für Psychiatrie ein. Deshalb sei es umso wichtiger, Berufliches von Privatem trennen zu können.

Die Vereinbarkeit von beruflicher Karriere und Familie ist laut Elisabeth Karlstetter im öffentlichen Dienst sehr fortschrittlich. "Ich habe sogar einen Sachgebietsleiter im Haus, der momentan in Elternzeit ist", freut sich die Leiterin des Finanzamts. Elisabeth Karlstetter leitet erst seit Oktober 2012 das Finanzamt in Straubing. "Ungewohnt war das aber weder für mich noch für meine Angestellten. Ich war vorher Amtsleiterin in Grafenau und München und vor mir wurde das Finanzamt hier auch schon von einer Frau geleitet", bemerkt die Juristin.

An der Tätigkeit im Finanzamt gefällt ihr vor allem die Mischung aus dem Juristischen und dem Kontakt mit Menschen: "Der Beruf ist sehr abwechslungsreich. Viele andere Juristen verbringen ihren Arbeitstag oft nur mit Akten wälzen." Grundsätzlich sei es für eine Frau im öffentlichen Dienst viel einfacher, in höhere Positionen aufzusteigen. "Bei den Bewerbern wird auf die Qualifikation geachtet und nicht auf das Geschlecht", zeigt die Finanzamt-Chefin auf. Wenn für die leitende Stelle eine Frau ausgewählt wurde, würde so auch deren Kompetenz nicht hinterfragt werden und man müsse sich nicht mühsam Respekt verschaffen.

Dass Frauen in ihrem Berufsfeld ziemlich selten sind, stört Cristina Pop eher nicht. Als Vorgesetzte von circa 170 Mitarbeitern hat sie es als Leiterin des Tiefbauamts fast ausschließlich mit Männern zu tun. "Ich war immer schon ein burschikoser Typ, habe viel Sport gemacht und war mit meinem Bruder und seinen Freunden unterwegs. Außerdem hatte ich damals schon eine Begabung fürs Technische", erinnert sie sich. Eben dieses Talent und der Wunsch, etwas erschaffen zu können, führten Cristina Pop zu einem Bauingenieur-Studium.

Nachdem sie berufliche Erfahrungen in der freien Wirtschaft gesammelt hatte, bewarb sich die Ingenieurin für die frei gewordene Stelle als Leiterin des Tiefbauamts. Das ist nun über zehn Jahren her. Heute ist die 50-Jährige in ihrem Beruf angekommen. Startschwierigkeiten hätte es zwar gegeben, jedoch nicht wegen ihres Geschlechts - "am Anfang muss sich doch jeder erst eingewöhnen". Mittlerweile seien sie und ihre Mitarbeiter aber ein eingespieltes Team.

"Ich würde es nicht anders machen, wenn ich ein Mann wäre. Führungseigenschaften sind nicht vom Geschlecht, sondern von der Persönlichkeit abhängig", findet die Bauingenieurin. Im Umgang mit ihren Mitarbeitern vergesse sie zwar nicht ganz ihre Weiblichkeit, es stehe jedoch die Kompetenz im Vordergrund.

Trotz ihrer beruflichen Karriere blieb für Cristina Pop das Familienleben nicht auf der Strecke, obwohl sie auf Hilfe von ihrer Familie angewiesen war. "Es ist alles eine Frage der Organisation. Wenn ich den jeden Tag zu Hause verbracht hätte, hieße das nicht unbedingt, dass ich eine bessere Mutter gewesen wäre", erzählt die gebürtige Rumänin. Ihrem Sohn Alex habe sie vorgelebt, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Direkt sagen habe sie ihm das nie müssen. "In Rumänien ist die Gleichstellung der Frauen fast selbstverständlich. Ich würde sagen, dass es dort noch mehr erfolgreiche Frauen gibt, vor allem in Universitäten und Schulen", sagt die 50-Jährige.

Der Weltfrauentag wird laut Cristina Pop in Rumänien viel größer gefeiert als hierzulande. Die Frauen würden sogar kleine Geschenke bekommen. Auch in Deutschland wäre der heutige Tag eine gute Gelegenheit, noch ein bisschen mehr als sonst zu schätzen, was Frauen tagtäglich leisten. Ob zu Hause oder in der Chefetage.

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