Artikel vom 10. August 2012 19:15, 228 mal gelesen
Hebel will als Rektor auch dafür sorgen, "dass wir mit dem, was wir wissenschaftlich können, in Ostbayern noch stärker nach außen gehen". (Foto: pehe)
Ab 1. April 2013 wird der Amerikanist Prof. Udo Hebel Rektor der Universität Regensburg sein. Erst Ende Juli hat er sich in einer überraschenden Wahl gegen den amtierenden Rektor Prof. Thomas Strothotte durchgesetzt. Im Interview mit der Zeitungsgruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung spricht Hebel über die Schwerpunkte seiner zukünftigen Arbeit. Dazu gehören eine global verstandene Internationalisierung, eine bessere Positionierung in der Forschungslandschaft und mehr Förderung für den wissenschaftlichen Nachwuchs.
Warum ist es offenbar so problemlos gelungen, eine Mehrheit gegen den derzeit noch amtierenden Rektor Thomas Strothotte kurz vor Ablauf seiner ersten Amtszeit zu organisieren?
Hebel: Wichtig ist weniger, ob es einfach oder schwierig war, sondern wie die Stimmungslage in der Universität war. Die Stimmungslage - und das ist kein Phänomen, das es nur in Regensburg gibt - schwankt hin und her zwischen dem Wunsch nach einem internen und nach einem externen Kandidaten. Herr Strothotte war ja auch in Rostock schon Rektor, ohne dass er vorher Rostocker war. Das ist die eine Möglichkeit. Die andere ist, dass jemand, der aus der Universität heraus Erfahrung hat, die unterschiedlichen Kommunikationsstrukturen und Interessen kennt, schon Dekan oder Prorektor war, von innen heraus gewählt wird.
Ihr Vorgänger galt mehr als Manager denn als Lehrer. Ist so etwas gut für eine Universität?
Hebel: Ich denke, ein Rektor muss mehrere verschiedene Rollen in sich vereinen. Ein Rektor muss managementbezogene Aufgaben übernehmen - stärker als früher. Gleichzeitig muss er aber auch Wissenschaftler sein und wissenschaftlich-universitär denken, handeln und planen. Und er muss kommunikativ nach innen und nach außen agieren. Das ist kein Gegensatz. Ich würde das Wissenschaftliche in den Vordergrund stellen. Management und Kommunikation gehören aber in jedem Falle dazu. Im Übrigen ist die Hochschulleitung ein kollegiales Organ: Wir haben den Rektor, die drei Prorektoren und den Kanzler. Innerhalb dieser Struktur gibt es verschiedene Aufgaben. Dieses Zusammenspiel muss passen.
Sie treten erst im April Ihr neues Amt an. Was bedeutet so ein halbes Jahr mit einem Rektor als "Lame Duck" für einen so komplexen Forschungs- und Lehrbetrieb wie die Universität?
Hebel: Der 20. Juli war der letztmögliche Termin für die Rektorwahl im Sommersemester, der nächste wäre erst wieder im November gewesen. Das war planerisch unter Umständen zu knapp. Die jetzige Phase mutet länger an, als sie dann letztlich sein wird. Aber grundsätzlich ist so eine Übergangsphase gut. Ich kann jetzt zum Beispiel am Lehrstuhl das regeln, was es zu regeln gibt, und ich kann mich schon auf die Fragestellungen des Rektorats einstellen.
Welche Schwerpunkte wollen Sie als neuer Rektor der Universität Regensburg setzen?
Hebel: Erstens muss die Internationalisierung noch weiter vorangetrieben werden. Wir haben traditionell sehr gute Beziehungen in den osteuropäischen Raum und die bleiben wichtig, aber die Studierendeninteressen ändern sich auch. Viele Studierende waren schon immer an Amerika und Asien interessiert, neuerdings viele zum Beispiel auch an Australien oder Südamerika. Ich glaube, wir müssen Internationalisierung global verstehen. Wir müssen sicherstellen, dass unsere Studierenden und Nachwuchswissenschaftler sowie alle an der Universität da international Kontakte haben, wo die Interessen und Arbeitsschwerpunkte liegen. Zweitens müssen wir uns in der Forschungslandschaft weiter zukunftsorientiert positionieren. Wir müssen den Schwung der Erfolge der Naturwissenschaften und kürzlich zum Beispiel bei der Exzellenzinitiative nutzen und auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften die Forschung weiter stärken. Drittens müssen wir die Nachwuchsförderung weiter verbessern. Wir müssen unbedingt darauf achten, dass unsere Nachwuchswissenschaftler genügend Freiräume für die Forschung und die Entfaltung ihrer Kreativität haben. Viertens: Die Verankerung der Uni Regensburg in Stadt und Region gehört zu unserem Gründungsauftrag. Wir sollten dafür sorgen, dass wir mit dem, was wir wissenschaftlich können, in Ostbayern noch stärker nach außen gehen. Das Museum der bayerischen Geschichte, das jetzt gebaut wird, wäre zum Beispiel so ein klassisches Feld, wo Stadt, Freistaat und Universität zusammenarbeiten könnten.
Was bedeutet Ihre Berufung an die Spitze der Universität für die Zukunft der Amerikanistik?
Hebel: Der Lehrstuhl hier in Regensburg ist einer der größten und profiliertesten in der Bundesrepublik. Wir haben zehn Jahre lang die größte amerikawissenschaftliche Fachzeitschrift außerhalb der USA herausgegeben. 2011 richteten wir die Jahrestagung der Amerikanisten aus. Ich bin im Moment Präsident der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien. Dieser Lehrstuhl ist im Kern der deutschen Amerikanistik verankert. Er ist sehr stark aufgestellt, mit ausgezeichneten Mitarbeitern und einer sehr guten Struktur. Es wird Lehrstuhlvertretungen geben, die den Lehrbetrieb übernehmen - die Studierenden werden keinerlei Nachteile haben. Ich werde nicht das operative Alltagsgeschäft managen können, aber ich halte es für wichtig, dass ein Rektor Kontakt zum Forschungs- und Lehralltag in seinem Wissenschaftsgebiet und generell hat.
Was war für Sie der persönliche Ruck, zu kandidieren?
Hebel: Was den Ausschlag gegeben hat, war das Vertrauen von Kollegen, Studierenden und Mitarbeiter, die gefragt haben, ob ich es nicht wirklich machen will. Viele haben gesagt, dass sie mich unterstützen und hinter mir stehen. Da kommt man natürlich schon ins Grübeln. Ich bin 14 Jahre hier. Ich habe mich 1998 bewusst gegen Kassel und für Regensburg entschieden. 2003 hatte ich einen Ruf nach Mainz und einen nach Freiburg. In beiden Fällen bin ich bewusst hiergeblieben, weil man in Regensburg sehr gut arbeiten kann und ein gutes Umfeld hat. Eine doch immer noch recht junge Universität, wo es Gestaltungsspielräume gibt, die Arbeits-, Forschungs- und Lehrmöglichkeiten, die Zusammenarbeit mit den Studierenden, die Verwurzelung in der Region - das sind alles Dinge, die ich sehr schätzen gelernt habe.
Wie wichtig ist für Sie die Repräsentanz nach außen, in der Stadtgesellschaft?
Hebel: Das ist ganz wichtig, vor allen Dingen in einer Stadt wie Regensburg. Die Universität betitelt sich mit Fug und Recht oft als Bürgeruniversität. Es muss immer auch klar sein, dass der Rektor die Universität repräsentiert und nicht für sich selbst auftritt. Wenn der Rektor über die Leistungen der Universität erzählt, sind das die Leistungen der Wissenschaftler, der Studierenden und der Mitarbeiter allen Feldern und Tätigkeiten innerhalb der Universität, die er da vertritt.
In welchen Bereichen sehen Sie an der Universität die größten Potenziale und wo den größten Nachholbedarf?
Hebel: Ein unmittelbarer Aufgabenbereich ist zum Beispiel die weitere Bewältigung des Bologna-Prozesses. Wir sind in einer entscheidenden Phase der Akkreditierung. Das muss weiter betrieben werden. Und wir müssen an den Schwung, den wir durch Forschungs- und Drittmittelerfolge haben, anknüpfen und weitere Initiativen anstoßen.
Welche?
Hebel: Es gibt ja sehr viele Forschungsschwerpunkte an der Universität, die im Auf- und Ausbau begriffen sind. Erfolgreiche Sonderforschungsbereiche in der Naturwissenschaft müssen weiter vorantreiben, externe Forschungseinrichtungen müssen an die Universität gebunden werden, Themenverbünde wie zum Beispiel "Sehen und Verstehen" in den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern oder der Forscherverbund "Forum Mittelalter" - solche Dinge zum Beispiel.
Wie zufrieden sind Sie mit der Bausubstanz der Uni?
Hebel: Es ist großartig, dass jetzt so viel saniert wird. Es sind große Summen, die da verbaut werden - was aber auch dringend nötig war. Die Sanierung ist auf gutem Wege. Aber man muss auch dranbleiben, dass die staatlichen Finanzmittel sowohl für das Gerüst als auch für die "Füllung" - in Forschung und Lehre - erhalten bleiben. Es tut sich viel, aber es muss sich weiterhin viel tun.
Wie sehen Sie die Zusammenarbeit zwischen Uni und Hochschule?
Hebel: Die Kooperation zwischen Hochschule und Universität ist natürlich wichtig. Der Campus zwischen den beiden Einrichtungen ist eine geradezu ideale Ausgangsbasis für Kooperationen, dazu kommt noch das Umfeld zum Beispiel mit dem Biopark und dem neuen Technologiepark. Im Süden Regensburgs bildet sich ein richtiger Großcampus heraus. Ungeachtet unterschiedlicher Aufgabenfelder gibt es genug Überschneidungsbereiche, in denen man konstruktiv und zukunftsgerichtet zusammenarbeiten kann. Da gibt es ja auch schon Zusammenarbeit, bis hin zu Studiengängen im medizinischen und technischen Bereich.
Der demografische Wandel wird sich bald auch auf die Studierendenzahlen auswirken. Wie viele Studenten wird die Uni Regensburg in zehn oder 20 Jahren haben?
Hebel: Wie schwer solche Prognosen sind, sieht man ja daran, dass die Universität Regensburg jetzt ungefähr doppelt so groß ist, wie sie ursprünglich einmal geplant war. Ich bin kein großer Freund von rein quantitativen Einschätzungen. Natürlich mussten wir im Zuge des doppelten Abiturjahrgangs ausbauen. Wir müssen sicherstellen, dass wir die Zahl der Hochschulabsolventen erhöhen - das ist auch der politische Wille. Aber es muss auch inhaltlich und von der Ausbildung und den Berufschancen her passen. Wir müssen auch schauen, wie wir mehr Studenten in Master-Studiengänge bekommen. Master-Studiengänge werden nicht regional, sondern nach dem Profil und Renommee des Studiengangs besetzt. Mir sind diese inhaltlichen Dinge wichtiger als die reinen Zahlen.
Was raten Sie jungen Menschen, die sich gegenwärtig überlegen, ob sie studieren sollen?
Hebel: Grundsätzlich rate ich jungen Leuten immer, dass sie das machen, wo sie ihr primäres Interesse sehen, und sich nicht von irgendwelchen Prognosen leiten lassen. Man braucht natürlich Beratung, aber sollte schon sein eigenes Interesse verfolgen. Zweitens rate ich jungen Leuten, dass sie sich etwas von der Welt anschauen. Auslandsaufenthalte nach der Schule sind für viele das Beste, was sie machen können. Sie sollen sich nicht in die Falle treiben lassen, möglichst schnell zu studieren, möglichst schnell fertig zu werden und dann erst zu schauen, was sie damit machen. Das Dritte ist: flexibel zu sein und, wenn man keine wirklich klare Entscheidung hat, sich über ein Kombinationsstudium Optionen offenzuhalten. Dann wird das schon.
Interview: Dr. Gerald Schneider, Wolfgang Brun und Markus Peherstorfer
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